Apples strategische Erziehungsprodukte und die United States of Apple

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Apples strategische Erziehungsprodukte und die United States of Apple

 
 

Apple hat wieder tolle Produkte für das iPad vorgestellt. Sicherlich eine große Hilfe für Lehrende und Lehrer. Dem Gedanken einer offenen Universität sind Produkte und Systeme wie iTunes U aber diametral entgegengesetzt.

 

(19.1.2012, 19:00) Heute stellte Apple mit iBook 2  und iBooks Author zwei Produkte vor, die das Zeug haben Lehren und Lernen zu revolutionieren. Gute Studienunterlagen, die Grafik, Bilder, Videos und Präsentationen beinhalten, sind damit leicht zu produzieren. Und Lernen macht damit sicher mehr Spaß als mit eselsohrigen Büchern.

Interessant ist auch iTunes U, ein iTunes für Universitäten. Das ermöglicht es Kurse, Lehrunterlagen und Lehrpläne elegant zu verteilen. Auch für die Kommunikation zwischen Lehrern und Studierenden ist gesorgt.

Strategisch klug stellt Apple die Autorentools und die iBoos 2 App kostenlos zur Verfügung. Denn sobald genügend Inhalte vorhanden sind, werden sich Käufer für die Hardware finden, die dann auch in iTunes kaufen oder für Apps im App Store Geld ausgeben. Und Systeme, die man als Schüler oder Student schätzen gelernt hat, wird man im Berufsleben später nicht missen wollen.

Alles in allem faszinierende Produkte und Systeme, die Lernen und Studieren leichter machen. Doch die Anwendung bedeutet auch, sich Apple mehr oder weniger mit Haut und Haaren auszuliefern. Es handelt sich aber um ein geschlossenes System hinter einer Mauer.

Der Erfinder des Web, Tim Berners-Lee, hatte sich im November 2010 in einem ausführlichen Artikel in Scientific American mit der Gefährdung der Freiheit des Web auseinandergesetzt. Er strich heraus, dass auch Apple von den Standards des Web abweicht und eine Berliner Mauer um seine eigene Stadt zieht. Denn die Adressen beginnen nicht mit „http:“, sondern mit „itunes:“. Einen Link, der mit „itunes:“ beginnt kann man lediglich benutzen, wenn man Apples proprietäres iTunes-Programm nutzt. Man kann von außerhalb keinen Link zu irgendeiner Information in der iTunes-Welt machen – man ist nicht länger im Web. Die iTunes Welt sei zentralisiert und von Mauern umschlossen.

Genau das passiert auch mit allem was in iTunes U ist. Man kann darauf nur mit Apple Geräten zugreifen und Apple kontrolliert genauso selbstverständlich wie im App Store was in iTunes U hinein darf und was nicht. Apple erlangt also letztlich Kontrolle über das was gelehrt und gelernt werden darf. Vorausgesetzt natürlich, iTunes U und iBooks setzen sich großflächig durch.

Martin Weigert setzt sich heute in einem lesenswerten Artikel in netzwertig.com mit den Gründen für den Misserfolg von Apple bei sozialen Netzen auseinander. Er macht nach dem Lesen der Biografie von Steve Jobs als einen der Hauptgründe für den Misserfolg die Kontroll-Manie von Jobs aus: „Er war ein einzigartiger Kontrollfreak, der maximalen Wert darauf legte, das Ökosystem und den kompletten Wertschöpfungsprozess von Anfang bis Ende zu kontrollieren.“ Jobs wollte, dass nicht mal Fenster geöffnet werden können.

Die Frage ist nun, wie solche Systeme mit den Leitsätzen der Universitäten vereinbar sind. In Deutschland ist in Art. 5 Abs. 3 GG ausdrücklich festgehalten, dass „wissenschaftliche Forschung und Lehre“ frei sind. Es gibt also „Forschungsfreiheit“ und „Lehrfreiheit“.

Die kann aber ganz offensichtlich nicht mehr erfüllt sein, wenn sich ein internationaler Großkonzern das Recht nimmt, die Kursunterlagen und Lehrbehelfe zu kontrollieren und abzulehnen. Das mag ja an den privaten, „christlichen“ Unis in den USA angehen, an aus Steuergeldern finanzierten, öffentlichen Lehranstalten in demokratischen Staaten aber sicher nicht.

Ganz abgesehen davon, dass der Konsum der Lehrunterlagen dadurch an die Geräte eines Herstellers gebunden ist. Was macht ein Student, wenn er sich keine Geräte von Apple leisten kann?

Aber es geht sogar noch weiter. Apple hat im EULA (End User License Agreement) eine Passage, die vorschreibt, dass Werke, die mit iBooks Author produziert werden nur durch den iBook Store verkauft werden dürfen. Dazu muss ein Vertrag mit Apple abgeschlossen werden. Apple hat das Recht die Aufanhme in den iBook Store ohne Angabe von Gründen abzulehnen. Mit dem Tool erzeugte Werke dürfen NIRGENDWO sonst zum Verkauf angeboten werden. Nur wenn ein Werk kostenlos ist, dürfen auch andere Verteilungswege benutzt werden. Apple beansprucht also nicht nur das Recht auf die eigene Software, sondern sogar auf die damit geschaffenen Werke. Was passiert, wenn man Apples Ecosystem gänzlich verlassen möchte, kann sich wohl jeder selbst ausmalen. Dieser Vertrag ist wohl einmalig in der Geschichte der Software Industrie.

Keine Frage, digitalisierte Lehrmittel sind die Zukunft. Aber nur dann, wenn sie auf Standards basieren und frei zugänglich sind. Um mit Berners-Lee zu  sprechen - wenn sie mit „http://“ beginnen und nicht mit „itunes:“. Offene Standards müssen im Bildungsbereich die Grundvoraussetzung sein. Papier war ein öffentlicher Standard, und auch in der digitalen Welt gibt es genug Möglichkeiten Austauschbarkeit und freien Zugang zu Wissen zu sichern. Optimal dafür ist natürlich grundsätzlich auch freie und quelloffene Software (FOSS - Free Open Source Software).

Aber Apple war bisher auch mit iTunes so erfolgreich, dass ich überzeugt bin, dass iTunes U auch eine gehörige Verbreitung finden wird, zumindest in den USA. Allerdings erübrigen sich dann Gesetze wie SOPA, denn Apple wird schon dafür sorgen, dass nichts Unrechtes passiert. Vielleicht sollte man dann aber USA besser mit United States of Apple übersetzen.

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