(Wien, 4.8.2010) Die Appconomy brummt. Geschätzte zehn Milliarden werden heuer heruntergeladen, 70 Prozent davon sind allerdings Gratis-Apps, aber mit den verbleibenden 3 Milliarden werden eben noch immer Milliardenumsätze erzielt. Marktforscher erwarten einen weiteren Anstieg auf 50 und mehr Milliarden Downloads – kein Wunder nehmen doch sowohl die App Stores/Worlds als auch die Zahl der Apps laufend zu.
Doch mehren sich die kritischen Stimmen. Im Blog Netzökonom von Holger Schmidt kann man aktuell unter der Überschrift „Apps sind ein Übergangsphänomen" folgende Einschätzung lesen: „Apps wird es nur so lange geben, bis die mobilen Browser leistungsfähiger und die Datenverbindungen schneller sind. Apps sind ein Übergangsphänomen", sagt Carsten Frien, Geschäftsführer von Madvertise, einem Marktplatz für mobile Werbung. Fünf bis sechs Jahre gibt er den Apps noch. Dann werde das offene Internet an ihre Stelle treten.“
Ein anderer Blogger argumentiert das Aussterben der Browser, da weder Regierungen, noch Verlage und schon gar nicht die Betreiber der App Stores ein Interesse an einem freien, offenen Internet haben.
Das Aussterben der Browser ist ganz sicher nicht zu befürchten, denn richtige Arbeit wird – Tablets und Pads hin oder her – noch immer am Notebook und PC stattfinden. Und da dominiert der Browser, in dem auch immer mehr Anwendungen zum Laufen kommen.
Gemischte Erfahrungen
Meine Erfahrungen mit Apps sind sehr gemischt. Das was ich am PC auch tue, nämlich Facebook, Xing, Twitter oder andere Portale zu besuchen zu recherchieren und sonst wie nach Informationen zu suchen, geht mit den Apps am Smartphone schlicht und einfach schlechter als mit den mobilen Websites (siehe Testberichte Xing App und Facebook App). Apps machen – derzeit zumindest – dort Sinn, wo es keine Website gibt oder geben kann. Eine Stop Mosquito App im Browser laufen zu lassen klingt nicht sehr wahrscheinlich.
Dazu kommt, dass die Browser Erzeuger bislang noch nicht wirklich auf die Herausforderung der Apps reagiert haben. Mit dem technischen Standard HTML 5 ergeben sich viele neue Möglichkeiten, das was in den Apps gemacht wird, direkt im Browser laufen zu lassen. Ich beobachte auch bei den immer häufiger zum Einsatz kommenden mobilen Lösungen im B2B-Bereich die Tendenz weg von der dedizierten Applikation zu einer In-Browser-Lösung. Denn der Aufwand diese Anwendungen an immer neue Geräte und Betriebssystemversionen anzupassen geht ordentlich ins Geld und verzögert den Einsatz. So ähnlich geht es natürlich auch den App Entwicklern. Allerdings fehlen noch die zentralen Stores für Browser Apps. Aber die Browser Erzeuger werden rasch darauf kommen, dass hier Geld zu machen ist und solche einrichten. Und natürlich werden viele lokale Website-spezifische Apps entstehen.
Die unterschiedlichen Kräfte
Es gibt drei Kräfte im Markt, die in unterschiedliche Richtungen ziehen. Da ist einmal Apple, die an den verkauften Apps 30 Prozent mitschneiden. Das ist das unmittelbare finanzielle Argument. Das mittelbare ist die Kontrolle über Partner und Kunden zu bewahren. Time musste dies kürzlich leidvoll zur Kenntnis nehmen, als man über eine App für das iPad direkt den Verkauf von Abos abhandeln wollte. Obwohl Apple dem ursprünglich zugestimmt hatte, legte man sich dann doch quer.
Die zweite Kraft ist Google. Mit Android ist der Suchmaschinenriese dabei einen fulminanten Erfolg zu landen. Ein Wachstum von 886 Prozent im vergangen Jahr (siehe) und die Führung vor dem iOS 4 im zweiten Quartal dieses Jahres können sich sehen lassen. Google gibt Android (noch) kostenlos an die Hardwareproduzenten ab, denn das große Geld wird mit Werbung und der Suche verdient. Aber in Apps kann man nicht suchen, da abgeschlossene Systeme, und in den Apps von Apple kann man auch nicht werben, das macht Apple schon selbst. Deshalb hat Google ein grundsätzliches Interesse an einem freien, für seine Such- und Werbeaktivitäten zugänglichen Web. Noch dazu hat Google nicht nur mit Android, sondern vor allem mit seinem bereits für Smartphones sehr gut optimierten Browser Chrome, ein starkes Mittel in der Hand um gegenzusteuern.
Und die dritte Kraft sind die End-User - und wahrscheinlich sogar die entscheidende. Bisher wurden alle Versuche abgeschmettert das Internet abzuschotten. Proprietäre, nicht freie Lösungen sind sehr rasch ausgestorben. Die Frage ist, wie lange sich die Apple-Fans die Bevormundung durch den Hardwarelieferanten bieten lassen werden. Über den ebenfalls hervorragenden iPhone-Browser Safari haben sie jedenfalls einen einfachen Ausweg.
Und noch eins: Die User werden immer lokale Interessen haben. In den frühen 90er Jahren haben wir über das Pizzaservice geschrieben um den Nutzen des Web zu erläutern - der war aber in San Francisco .... Mich interessiert, welcher Heurige im südlichen Weinviertel grad offen hat, oder was die lokale Presse an meinem Urlaubsort Alpbach zu berichten hat. Und die werden keine Apps für 20 verschiedene Betriebssysteme schreiben.
Ich denke, der Browser wird auch am Smartphone wieder mehr in den Vordergrund rücken, in der Appconomy werden die dezentralisierten In-Browser-Apps den Löwenanteil ausmachen und die Stores werden weiter eine, wenn auch wesentlich geringere, Rolle spielen .
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